der geschenkte gaul basiert auf der gleichnamigen Autobiografie von Hildegard Knef, geht aber noch ein Stück weiter und erzählt ihre Lebensgeschichte bis kurz vor ihrem Tod am 1. Februar 2002. Geboren wurde der erste deutsche Nachkriegsstar am 28. Dezember 1925 – in diesem Jahr wäre die Knef also hundert Jahre alt geworden. Und dieser Geburtstag wird groß gefeiert! Thomas Jost, Leiter des Funkturm-Verlags in Berlin und ehemaliger Manager von Hildegard Knef, der auch ihren Nachlass verwaltet, hat dieses Jubiläumsfest initiiert und organisiert. Bereits seit April läuft die Hildegard-Knef-Dokumentation ich will alles in den Kinos. Das tfn zeigt der geschenkte gaul. Dramaturgin Julia Hoppe hat mit Thomas Jost und Regisseur Jorg Gade gesprochen:
↗ Herr Jost, wie aufwändig waren die Vorbereitungen für dieses Jubiläum?
TJ: Da ich die Vorläufe insbesondere bei der Filmproduktion kenne, habe ich bereits 2022 angefangen, das Jubiläum vorzubereiten.
↗ Worauf können sich Knef-Fans noch alles freuen?
TJ: Ich habe die Jahre 2025 und 2026 zu Knef-Jahren erklärt, da Hilde am 28.12.25 100 Jahre alt geworden wäre. Es gibt in allen Landesteilen in dieser Zeit musikalische Aufführungen (Musicals oder Konzerte), Lesungen, Filmaufführungen, diverse lustige Merchandisingartikel, eine große Geburtstagsfeier am 29.12.25 im Theater des Westens in Berlin, neue Bücher und Tonträger usw. Alle Aktivitäten können Sie auf der Website knef100.de finden.
↗ Sie haben Hildegard Knef persönlich kennenlernen dürfen, waren ihr letzter Manager. Wie haben Sie sie erlebt?
TJ: Hildegard Knef in kurzen Worten zu beschreiben ist nicht möglich. KNEF – vier Buchstaben, ein künstlerisches Universum. Aber natürlich auch ein Mensch mit großer Lebenserfahrung. In den zehn Jahren, in denen ich sie begleitet habe, haben wir uns so, glaube ich, gut kennengelernt.
↗ Jörg, was wusstest du von Hildegard Knef, bevor du angefangen hast, dich mit dem Musical und ihr als Person zu beschäftigen?
JG: Vor über 20 Jahren, in meinem ersten Jahr als Intendant der Landesbühne Hannover, hatten wir das Stück für mich soll’s rote rosen regnen (Regie: Bettina Rehm) auf dem Spielplan. Deshalb war ich mit der Lebensgeschichte und ihrem Werk schon etwas vertraut.
↗ Welche neuen Seiten hast du im Laufe deiner Recherche an ihr entdeckt?
JG: Beim Lesen ihrer Autobiografie der geschenkte gaulhat mich zunächst der Stil überrascht: Bei ihren Berichten aus der Kriegs- und Nachkriegszeit und auch später, wenn es um ihre Krebserkrankung geht, ist ihre Sprache gehetzt, stakkatoartig, voller unvollständiger, teilweise unverständlicher Sätze, fast expressionistisch. Später, als es in ihrem Leben etwas ruhiger wurde (falls man davon in diesem turbulenten Leben sprechen kann), wird auch die Sprache ruhiger, fließender. So einen ausgeprägten Stilwillen hatte ich bei einer Biografie nicht erwartet. Außerdem zeigte mir die Recherche deutlich, wie sehr das Leben von Hildegard Knef ein Teil der Geschichte der Bundesrepublik Deutschlands ist und diese widerspiegelt.
↗ Was können wir von Hildegard Knef lernen?
TJ: Aufgeben ist keine Option. Jeder Rückschlag scheint sie stärker gemacht zu haben. Trotz menschlich großer Enttäuschungen offen zu bleiben, nicht verbittern.
JG: Beim Betrachten vieler historischer Filmaufnahmen von Bühnenauftritten, Talkshows, Interviews usw. hat mich beeindruckt, wie diese starke, kluge Frau sich stets bewusst war, dass die Öffentlichkeit und das öffentliche Interesse an ihr Teil ihres Lebens ist. Als Lebenselixier und Antrieb, aber auch als zerstörerische Kraft. Sie hat darüber nicht gejammert, sondern es angenommen – wie einen geschenkten Gaul.
↗ Was ist die Besonderheit an deinem Inszenierungskonzept?
JG: Wir haben den Fokus sehr stark darauf gelegt, dass es Hilde ist, die uns ihre Geschichte erzählt. Sie wendet sich direkt an das Publikum und lässt es teilhaben an ihren Erinnerungen. Um dies gegenüber der ursprünglichen Vorlage zu verstärken, haben wir unter anderem entschieden, mit zwei Hilde-Darstellerinnen zu arbeiten, einer jüngeren und einer älteren, die gelegentlich auch miteinander kommunizieren und gemeinsam singen.
↗ der geschenkte gaul ist ein lohnenswertes Musical, weil …
TJ: … es das einzige Musical ist, das Hildegard Knef selbst geschrieben hat. Nach ihrem Tod musste es noch in ihrem Sinn bearbeitet werden, aber der größte Teil stammt original von ihr. Kein Werk über die Knef, sondern von …
Das Interview entstand bereits im Mai 2025, noch vor Beginn der Probenzeit.
Foto oben Thomas Jost: privat
Foto unten Jörg Gade: Jochen Quast