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»was man braucht, ist die bereitschaft, sich nicht zurückzulehnen.«

... so die Regisseurin Elena Hoof über ihre Inszenierung die unnützen mäuler am tfn. Nach dem Studium »Inszenierung der Künste« in Hildesheim, erhielt sie für ihre autobiografische Lecture Performance this is not a safe space den Körber-Preis für Junge Regie 2023. Ob der Zweck in jedem Fall die Mittel rechtfertigt, ist eine Frage, die sie in ihrer neuesten Inszenierung stellt. Dramaturgin Maren Simoneit im Gespräch mit Elena Hoof.

 

↗ Simone de Beauvoir schrieb ihr einziges Theaterstück die unnützen mäuler 1945, unmittelbar nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs und vor dem Hintergrund der Okkupation Frankreichs durch das nationalsozialistische Deutschland. Worum geht es in dem Stück?

Simone de Beauvoirs Stück spielt in einer belagerten Stadt, in der Nahrung knapp wird und die politische Führung entscheidet, dass nicht alle Menschen überleben können. Um das »Gemeinwohl« zu sichern, wird eine Kategorie von Menschen definiert, die als nicht produktiv gelten: Frauen, Alte, Kranke und Kinder, all jene, die keinen unmittelbaren Nutzen für das Überleben der Gemeinschaft haben. Diese sogenannten »unnützen Mäuler« sollen die Stadt verlassen und damit faktisch dem Tod überlassen werden.

Das Stück verhandelt nicht die Belagerung selbst, sondern die moralische und politische Entscheidung, Menschenleben nach Kriterien von Nützlichkeit zu bewerten. Es zeigt, wie Gewalt nicht aus Grausamkeit entsteht, sondern aus Rationalität, Verwaltungslogik und dem Wunsch, Verantwortung an Sachzwänge abzugeben. De Beauvoir untersucht, wie schnell humanistische Werte zerfallen, wenn sie gegen Effizienz, Sicherheit und Überleben aufgerechnet werden.

Im Kern ist das Stück eine radikale Auseinandersetzung mit der Frage, wer über Leben und Tod entscheidet, wie solche Entscheidungen sprachlich legitimiert werden und welche Schuld diejenigen tragen, die sie treffen oder stillschweigend mittragen.

 

↗ Muss man sich mit Simone de Beauvoir und der Philosophie des Existenzialismus auskennen, um sich das Stück anzusehen?

Nein. Das Stück funktioniert ohne philosophisches Vorwissen, weil es keine Theorie erklärt, sondern sich die Grundfragen des Existenzialismus auf die Schöße der Zuschauenden setzen werden.

Und bitte: Das Gefühl von fehlendem Wissen sollte einen niemals davon abhalten, ins Theater zu gehen. Fragen kann man immer noch hinterher. Was man allerdings braucht, ist die Bereitschaft, sich nicht zurückzulehnen. Das Stück bietet keine Identifikationsfigur, keine moralische Entlastung, keine einfache Lösung und auch nicht allzu viele Lacher, nach denen man sich ein Salbeibonbon aus der Tasche kramen muss. Man kommt wohl nicht daran vorbei, sich unmittelbar, oder aber auch erst in den darauffolgenden Tagen, selbst zu fragen, wie man in vergleichbaren Situationen handeln oder sich positionieren würde. Und was bedeutet eine Enthaltung in diesem Fall?

 

↗ Das Stück wurde 1949 in der Regie von einem männlichen Regisseur uraufgeführt. Du bist die zweite Person, die dieses Stück inszeniert. Was interessiert dich als Regisseurin 2026 an dem Text?

Ja, ein Skandal, oder? Der Text beschreibt eine vermeintliche Logik, die wir heute sehr gut kennen: Menschen werden nach ökonomischer Verwertbarkeit beurteilt, politische Entscheidungen werden als alternativlos verkauft, das Töten von Menschen als Maßnahme, Verwaltung oder Notwendigkeit bezeichnet. Die Thematik des Stücks erinnert erschreckend an Debatten über Migration, Pflege, Krankheit, Arbeitslosigkeit und soziale Sicherungssysteme. Was ist, wenn wir zu viele sind? Was passiert, wenn die Ressourcen nicht mehr reichen? Wer entscheidet? Und was ist schon eine Enthaltung gegen viele?

Als Regisseurin interessiert mich, wie viele Parallelen wir zu heutigen Perspektiven und Ideen finden. Wie diese Art von Klassifizismus wieder gesellschaftsfähig wird. In einer Sprache, die so leicht dahergeflossen kommt, so unauffällig, dass man die Brutalität fast überhören könnte. Und das ist es, vielleicht das Interessanteste:

De Beauvoir zeigt keine Monster. Die Figuren sind keine Misanthropen, sondern funktionierende, »vernünftige« Menschen, die glauben, das Richtige zu tun. Das Stück zwingt uns, nicht auf die »Bösen« zu zeigen, sondern auf Strukturen, Sprache und eigene Denkgewohnheiten.

Diese Inszenierung versteht den Text deshalb nicht als historisches Drama, sondern als zeitlose Studie über Macht, Verwaltung und die Preisgabe von Menschlichkeit im Namen der Effizienz. Das macht ihn 2026 nicht nur relevant, sondern er flüstert einem gar seine Worte ins Ohr.

 

Foto Elena Hoof: Kolja Hoof