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hitler sing nicht selbst!

Mit der Uraufführung von er ist wieder da startet die Musicalsparte in die neue Spielzeit. Dramaturgin Julia Hoppe hat mit John Havu (Libretto und Produzent) und Jack Woodhead (Komponist) über das Werk gesprochen.

↗ John, wie seid ihr auf die Idee gekommen, aus dem Roman er ist wieder davon Timur Vermes aus dem Jahr 2012 ein Musical zu machen?

Nachdem ich Timur Vermes’ Roman gelesen hatte, begann ich darüber nachzudenken, wie sich aus dem Stoff eine Bühnenproduktion als Operette oder Musical gestalten ließe. 2018 traf ich Timur in München; er zeigte sich sehr aufgeschlossen gegenüber einer musikalischen Bühneninterpretation seines Romans. Dennoch war ich mir zunächst nicht sicher, ob daraus eine Operette oder ein Musical werden sollte, und falls Musical, welcher Stil am besten passen würde. Diese Frage wurde beantwortet, während ich an der Musical-Komödie ella mit dem großartigen Team von Jack Woodhead (Musik) und Mark Wartenberg (Texte) arbeitete. Das nächste Puzzlestück – die Handlung selbst – fügte sich, als Timur mit an Bord kam und wir gemeinsam beschlossen, die Ereignisse des Romans von 2012 ins Jahr 2026 zu aktualisieren. Dadurch konnten wir völlig neue und aufregende Wege gehen und gleichzeitig Timur Vermes’ ursprünglichen Intentionen treu bleiben.

↗ Der Roman ist mittlerweile vierzehn Jahre alt. Wie aktuell ist die Geschichte noch?

Die Veröffentlichung und der Erfolg der Verfilmung durch Constantin Film zeigten, dass die Themen im Jahr 2015 weiterhin sehr präsent im Bewusstsein der Öffentlichkeit waren_– gerade als politische Entwicklungen nicht nur in Deutschland, sondern weltweit eine bedrohlichere Richtung einschlugen. Bösartiger Nationalismus hatte oder würde bald die großen Weltmächte erfassen, der Brexit fand statt, Putin besetzte die Krim, Donald Trump wurde gewählt, und überall wurden Immigranten zu Sündenböcken für sämtliche Probleme erklärt. Als Nächstes kam Corona, und die damit verbundenen Lockdowns machten nahezu jeden vom Internet abhängig und erhöhten die Anfälligkeit für Verschwörungstheorien, die entweder von Verrückten oder von »bösen Akteuren« erschaffen wurden, die die öffentliche Meinungsbildung kontrollieren wollten. Die Wiederwahl_(!) von Trump im Jahr 2024 in den USA ist ein aktuelles Beispiel dafür, wie weit autoritäre Kräfte mit ihrer Propaganda und ihren Narrativen bereits gekommen sind. Die Dringlichkeit der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Lage hat uns definitiv zusätzlichen »Treibstoff« für die Geschichte geliefert.

↗ Man kann schwerlich den gesamten Roman in 2,5 Stunden erzählen. Worauf habt ihr den Schwerpunkt gelegt?

Der erste Akt orientiert sich inhaltlich an den ersten Ereignissen des Romans und ist den Leserinnen und Lesern vertraut. Im zweiten Akt gehen wir stärker auf Aktualisierungen von Timurs Originalroman ein und haben neue Situationen hinzugefügt, zum Beispiel ein Influencer-Casting, um die gestiegene Absurdität der heutigen gesellschaftlichen Normen sowie die Methoden des neuen Faschismus besser widerzuspiegeln. Wie der Roman setzt auch das Musical auf Satire und Ironie, um seine Botschaft zu vermitteln. Am Ende dient das Musical_– ähnlich wie Chaplins der große diktator_– als Warnung, bleibt dabei aber unterhaltsam, lustig und gefährlich zugleich.

↗ Jack, in welche Richtung bist du mit der Musik stilistisch gegangen?

In der Show kommen verschiedene Musikstile zum Einsatz. Inspiriert wurde ich aus der Weimarer Zeit des Kabaretts und Vaudeville der 1920/30er-Jahre, dem traditionellen Broadway-Sound und sogar von Disco.

↗ Wie passt die Musik zu der Figur von Hitler?

Angesichts der starken emotionalen und kulturellen Assoziationen, die mit Hitler verbunden sind, war ich besonders sensibel mit der Wirkung der Musik, die Hitler begleitet. Ich habe versucht eine Balance zu finden zwischen den Emotionen, mit denen die Hitler-Szenen gefüllt sind, allerdings ohne Hitler zu psychologisieren. Was die anderen Charaktere betrifft, werden ihre Emotionen durch hoffnungsvolle, sentimentale, tragische, und fröhliche Musik ausgedrückt_– aber die Musik für Hitler ist (vielleicht leicht beunruhigend) objektiver. Wichtig ist, dass in unserem Musical Hitler kein einziges Mal selbst singt.

↗ Warum sollte man er ist wieder da auf keinen Fall verpassen?

Es hat alles, was man von einem Musical erwartet. Es ist eine überraschend lustige Show. Mark Wartenbergs Texte sind brillant und mit so viel Raffinesse, Humor und Takt geschrieben, dass ich musikalisch freidrehen konnte und eine Menge Spaß beim Komponieren hatte. Die Songs rocken! Durch die unglaublichen Ideen und das Libretto von Timur Vermes und John Havu ist eine Show entstanden, die politisch relevant, auf angenehme Weise herausfordernd, aber auch sehr spaßig geworden ist.

 

Foto John Havu: Jörn Dudek
Foto Jack Woodhead: Caprice Crawford

John Havu Jack Woodhead