Am Im Vorfeld der Deutschen Erstaufführung von harvey milk reimagined durfte der Produktionsdramaturg Philipp Wegerer mit dem Librettisten Michael Korie über die Oper sprechen ...
↗ Was hat dich an der Person Harvey Milk interessiert?
In meinen frühen 20ern habe ich für die linke New Yorker Zeitung The Village Voice geschrieben, während früher Jahre der Schwulenbewegung. Deshalb war ich mit Harvey Milk und seiner Kampagne in San Francisco vertraut. Die Zeit, als die »Coming Out«-Bewegung sich in den USA und der Welt ausgebreitet hat_– nach dem Aufstand in Stonewall_– hat besonders mit mir resoniert, und die Geschichte von Harvey Milks Aufstieg unter dem Motto »Ich bin eine einzelne Person, aber ich habe Macht« hat auf mich nach dem perfekten Thema für eine Oper gewirkt.
↗ Wie war dein Prozess an harvey milk reimagined zu arbeiten?
Das originale Libretto für harvey milk hat 17_Fassungen durchlaufen, aber es hat tatsächlich mit Journalismus angefangen. Ich bin für ein paar Monate nach San Francisco gegangen und bin bei Freund_innen untergekommen, während ich die überlebenden Freund_innen und Begleiter_innen in Milks politischem und privatem Leben getroffen habe. Viele der aufgenommenen Interviews sind in Teilen des Librettos gelandet.
↗ Was war der erste Teil des Librettos, bei dem du dir sicher warst?
Ich wusste, dass ich auf Harveys Leben und Erfolge blicken möchte, im Kontext der gesamten Schwulenbewegung, auch mit seinen Jahren vor dem Coming-Out, vor Stonewall, und seiner Erkenntnis gleichzeitig zu Stonewall, dass er für sich als schwuler Mann genauso einstehen kann, wie er es für sich als jüdischer Mann kann. Die Scham und das Stigma, das das Establishment ihm aufgezwungen hat, waren etwas, das er nie vergessen konnte, weshalb es eine seiner stärksten Motivationen war, es jungen Leuten zu ermöglichen, sich von Scham zu befreien.
↗ Wie bist du an die Figur »Harvey Milk« herangegangen – wie an die historischen und biografi schen Orte und Details?
Die Figur Harvey Milk hat in der Oper, wie in seinem Leben, zwei große Wandlungen durchgemacht. Er hat vor seinem Coming-Out als Stockbroker in der Wall Street angefangen, ein Republikaner, der den Habicht-artigen Barry Goldwater gewählt hat. Nach Stonewall war er in seiner »Castro Street Camera Shop«-Ära, in der er sich in seiner Haut wohlgefühlt hat, frei von jedem Verstecken. Sein Laden wurde eine Anlaufstelle für die schwule und lesbische Befreiungsbewegung. Und es war während seiner dritten Ära, als er sich Anzug und Krawatte wieder angezogen hat, um ein Politiker zu werden, der sich für Andere und gesellschaftlichen Wandel einsetzte. Die historischen Aufzeichnungen seines Lebens und der Wandel in seinem Leben standen mir alle zur Verfügung, um sie zu dramatisieren. Ich musste nichts erfinden.
↗ Was war deine Idee dahinter, mit der Tragödie des Attentats auf Harvey Milk zu beginnen?
Im Prolog, hat [Stewart] das Interview von Dianne Feinstein mit eingebaut, die der Presse berichtet, das sowohl der Bürgermeister Moscone und auch der Stadtrat Harvey Milk einem Attentat des Stadtrats Dan White zum Opfer gefallen sind. Es ist interessant, dass Harvey selbst die Vorahnung eines Attentats auf ihn hatte und in der Nacht vor seiner Ermordung eine Kassette aufgenommen hat, mit einer Nachricht von ihm an die Welt. Es wirkt so, als ob Milk selbst sein eigenes Schicksal vorhergesehen hat.
Übersetzung: Philipp Wegerer
Foto Michael Korie: Brownen Sharp