... heißt es im Lustspiel der zerbrochne krug von Heinrich von Kleist, das zugleich Komödie und Gerichtsdrama ist. Mit diesem Klassiker kommt eines der meistgespielten Stücke der Theaterliteratur auf die tfn-Bühne. Die Dramaturgin Maren Simoneit im Gespräch mit der Berliner Regisseurin Ulrike Müller.
↗ Ulrike, welche drei Dinge sollte das Publikum zu Heinrich von Kleist wissen?
- Kleist musste bereits mit 14 Jahren zur Armee.
- »… die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war« schreibt Kleist in seinem Abschiedsbrief an seine Schwester Ulrike.
- Kleist hatte Zeit seines Lebens eine Sehnsucht zu sterben und suchte förmlich nach jemanden, mit dem er sich gemeinsam umbringen konnte. Er gewann die todkranke Henriette Vogel und erschoss zuerst sie und danach sich selbst – am 21. November 1811 am Kleinen Wannsee, Berlin.
Und vielleicht noch: Zwei seiner Stücke, das käthchen von heilbronn sowie der zerbrochne krug, wurden zu seinen Lebzeiten in Wien und Weimar uraufgeführt. Keine dieser Aufführungen hat er gesehen. Kleist hat den Erfolg seines Werkes selbst nicht mehr erlebt und wurde als Dramatikererst posthum bekannt und viel gespielt. Kleist war einer dieser schwermütigen Künstler/Dichter, die es verstanden, eine feinsinnige und brillante Komödie voller Sprachwitz und Situationskomik zu schreiben, wie es nur wenige können.
↗ der zerbrochne krug von 1808 ist Lustspiel und Krimi zugleich. Was wird erzählt?
Es ist ein Stück über Macht, über den Missbrauch von Macht und schlussendlich über die Angst, Macht zu verlieren. Dorfrichter Adam hat sich an einer jungen Frauvergangen und ist dabei ertappt worden. Wie er als Richter und zugleich als Täter versucht, seine Haut zu retten und am Ende doch nicht verurteilt wird, das ist grotesk und tragisch zugleich. Kleist macht anhand von Eves Schweigen deutlich, wie schwer es bis heute ist, Machtstrukturen und patriarchale Systeme zu durchbrechen.
↗ Was hat dich als Künstlerin, die erst Schauspiel studiert hat, dann Regie an der »Ernst Busch« und die eigenen Stücke und Hörspiele schreibt, an Kleist und dem krug interessiert?
Mich interessiert Eves Kampf, zu sich selbst stehen zu dürfen, der herrschenden Moral entgegenzutreten, bei sich zu bleiben, obwohl sie weiß, dass sie alles, was ihr wichtig ist, verlieren könnte. Der längste Weg eines Menschen ist der Weg zu sich selbst. Eve kommt am Ende bei sich an, in dem sie ausspricht, was ihr letzte Nacht widerfahren ist. Indem sie versucht den Missbrauch in Worte zu fassen. Kleist ist, was dieses Thema angeht, ein Visionär_– weil genau das immer noch aktuell ist und immer aktueller wird. Und das alles in ein groteskes Szenario zu verpacken, bei dem den Zuschauenden dann das Lachen im Halse stecken bleibt, fi nde ich sehr mutig vom Autor und wichtig fürs Theater. Mutige Übersetzungen für Themen zu fi nden, aus scheinbar kleinen persönlichen Geschichten heraus auf die großen Themen zu schauen, das reizt mich als Regisseurin und als Autorin.
↗ Du bist zusammen mit der Bühnen- und Kostümbildnerin Ariane Salzbrunn für die Inszenierung ans tfn gekommen. Was erwartet uns bei Bühne und Kostüm?
Wir befinden uns in einem Gerichtsraum, der bereits massiv in die Jahre gekommen ist, der die guten alten Tage im weitesten Sinne hinter sich gelassen hat. Eine riesige Tür thront über dem Richter. Das Tor zur Macht und das Tor zur Welt. Von außen schaut der Ziegenbock durch das Fenster, während drinnen die Dorfbewohner_innen in zeitlosen Kostümen, die die Charaktere der Figuren beschreiben, über Adams und Eves Schicksal verhandeln und über den zerbrochenen Krug.
Foto: Jan Lehmann