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»zeitlos, direkt und unglaublich kraftvoll«

Als Evergreen der Opernliteratur erzählt rigoletto eine zutiefst menschliche, tragische Geschichte über romantische und elterliche Liebe sowie über die Verletzlichkeit der menschlichen Seele. Verdis Meisterwerk basiert auf Victor Hugos Drama le roi s’amuse. Über Themen wie Habgier, Hochmut, Minderwertigkeitsgefühle und Femizid hat Dramaturg Tal Soker mit Regisseurin Shira Szabady gesprochen.

 

↗ rigoletto ist deine erste Inszenierung am tfn. Was reizt dich besonders an diesem Werk der dunklen Romantik?

Was mich an rigoletto am meisten berührt, ist ganz eindeutig Verdis Musik. Sie ist zeitlos, direkt und unglaublich kraftvoll. Diese Musik geht sofort unter die Haut, tief hinein in die Seele. Sie erzählt von Liebe und Schmerz, von Verlust und Hoffnung, von Jugend und Alter. Lauter Themen, mit denen wir alle in unserem Alltag und in unserem eigenen Leben immer wieder zu tun haben.

 

↗ Warum bleibt rigoletto deiner Meinung nach aktuell – sogar 175 Jahre nach seiner Uraufführung?

Ich finde, kaum ein anderes Stück fühlt sich so lebensnah an. Die Menschen darin sind weder böse noch heilig. Sie haben Sehnsüchte, sie wollen leben, sie machen Fehler und manchmal sind die Konsequenzen tragisch. Andere kommen damit durch und leben einfach weiter. Genau so passiert es im echten Leben auch.

 

↗ Dürfen wir mit einem feministischen Ansatz rechnen?

Gilda ist ein Opfer eines patriarchalen Systems, das sie von klein auf isoliert und ihr jede Form von Selbstbestimmung nimmt. Sie lebt eingesperrt, ohne Kontakt zur Außenwelt und ohne echte Beziehung zu ihrem eigenen Vater, der sie zwar beschützen will, ihr aber jede Freiheit entzieht. Was ihr bleibt, ist die Flucht in die Fantasie. Für sie wird Liebe zur einzigen denkbaren Möglichkeit von Freiheit.

Bevor man hier nach einer feministischen Wendung sucht, muss man zuerst über Femizid sprechen. Die Frage »Warum opfert sie sich für den Herzog?« ist falsch gestellt. Die richtige Frage lautet: »Was versucht sie mit dieser Entscheidung zu gewinnen?« Wenn die Antwort Freiheit und Selbstbestimmung lautet, dann liegt genau dort der feministische Kern.

Gildas Tod ist für mich kein Opfer für einen Mann, sondern ein tragischer Ausdruck der Tatsache, dass Frauen in patriarchalen Strukturen oft nur im Extrem ihre Autonomie behaupten können. Ihr letzter Moment ist ein Akt eigener Entscheidung und zugleich ein Hinweis darauf, wie sehr die Gesellschaft versagt hat. 

Der Feminismus in rigoletto findet deshalb auf zwei Ebenen statt: in Gildas innerem Kampf um Selbstbestimmung und in der Frage an uns als Zuschauer_innen, was wir tun müssen, damit solche Geschichten nicht immer wieder Realität werden. Wenn eine Frau Opfer eines Systems wird, verliert die ganze Gesellschaft. Dieser Gedanke prägt meine Inszenierung der Todesszene.

 

↗ Aber ist Rigolettos Hochmut nicht letztlich eine Manifestation seiner eigenen Unterlegenheitsgefühle?

Ich denke, Rigolettos Hochmut entsteht aus einem tiefen Gefühl der Machtlosigkeit. Sein Spott gibt ihm die Illusion von Kontrolle. Er kann andere auslachen, er kann sogar den Herzog zu Grausamkeiten anstacheln. Aber all das ist letztlich ein Ventil für seine eigene Unzufriedenheit und Verletztheit. 

Der Fluch trifft ihn dort, wo seine Fassade keinen Schutz mehr bietet: nicht den Hofnarren, der sich hinter seiner Rolle verbirgt, sondern den Menschen und Vater, der emotional verwundbar ist. In diesem Moment zerfällt seine illusionäre Macht und die Realität seiner Ohnmacht tritt hervor.

 

↗ Wie schaust du auf den Herzog? 

Die Musik Verdis verführt uns immer wieder dazu, ihm eine Seele zuzuschreiben, genauso wie Gilda und all den Frauen vor ihr. Aber diese Verführbarkeit ist Teil von Verdis Kompositionsstrategie: Er macht den Herzog musikalisch attraktiv, nicht menschlich.

Seine wahre Brutalität zeigt sich im Moment von Gildas Tod. Während Rigoletto zusammenbricht, hört man in der Ferne »La donna è mobile«. Der Herzog singt ungerührt weiter und lebt sein Vergnügen aus, völlig unbetroffen von der Zerstörung, die er verursacht hat.

 

Foto Shira Szabady: Lena Kern