Am Samstag, 21.3.26, feiert das Musical stimmen im kopf von Wolfgang Böhmer und Peter Lund Premiere. Dramaturgin Julia Hoppe hat vor Probenbeginn mit der Regisseurin Annika Dickel über die Vorbereitung auf die Produktion gesprochen.
↗ stimmen im kopf erzählt von einem Alltag in einer geschützten Einrichtung, bei dem die Perspektiven von Mitarbeitenden der Klinik, als auch Patient_innen und Angehörigen eingenommen werden. Wie hast du dich auf dieses Thema vorbereitet?
Mir war es wichtig, mich intensiv mit der Materie auseinanderzusetzen_– dem Thema psychische Erkrankungen möchte ich mit dem nötigen Respekt begegnen. Wie man das so als Theatermensch in der Vorbereitung auf ein Stück macht, habe ich angefangen verschiedene Dokus und Bücher über psychische Erkrankungen anzuschauen bzw. zu lesen. Das fand ich aber zu wenig für mich, um mich wirklich eindenken zu können. Also habe ich mich hingesetzt und zwei Fragebögen entwickelt, einen für Erkrankte und einen für Angehörige und Fachpersonal, beide gegengecheckt von Profis. Diese konnte man anonym online ausfüllen. Schon nach den ersten Tagen hatte ich Antworten von knapp 100 Leuten im Postfach, die meisten hatten sehr viel Persönliches geteilt. Ich schätze die Offenheit der Menschen sehr, weil es mir Einblicke in Lebensrealitäten gegeben hat, die ich sonst nicht bekommen hätte. In den letzten Wochen habe ich zudem einige Gespräche mit Fachleuten aus verschiedenen Einrichtungen geführt und durfte mich im Klinikum Wahrendorff in Sehnde umschauen. Ich habe sehr viel gelernt in den letzten Monaten!
↗ Hatten diese Gespräche Einfluss auf deine Arbeit und das Stück?
Auf jeden Fall! Die große Frage ist ja: Wie bekommt man einen unterhaltsamen, witzigen Musicalabend mit so einem Thema hin_– ohne despektierlich gegenüber Betroffenen zu werden. Das ist schon ein großer Balance-Akt, zumal das Stück vor 13_Jahren geschrieben wurde. Das klingt nicht alt; ich habe aber schon das Gefühl, dass sich seitdem einiges im öffentlichen Diskurs über die Themen psychische Erkrankung bzw. mentale Gesundheit getan hat. Aus den Gesprächen und Interviews konnte ich viel über den Arbeitsalltag in Kliniken erfahren, über Probleme von nahen Angehörigen und natürlich vor allem über Gedanken, Ängste und Herausforderungen der Patient_innen. Durch das Hören von und Lesen über die ganzen individuellen Schicksale haben sich für mich einige ganz wichtige Punkte herauskristallisiert:
1. Es kann JEDEN Menschen treffen. Niemand kann etwas dafür.
2. Der Mensch ist nicht gleich seine psychische Erkrankung. Es sind Menschenwie du und ich, sie möchten gesehen und ernstgenommen werden.
3. Es gibt nicht DIE psychische Erkrankung und DIE richtige Lösung. Erkrankungen sind komplex und individuell.
Und vor allem, ganz spannend:
4. Humor ist wichtig! Manchmal überlebenswichtig …
↗ Was ist dir bei dieser Arbeit besonders wichtig?
Mir ist grundsätzlich IMMER wichtig, dass sich alle Beteiligten in der Probenarbeit wohlfühlen, trotz unvermeidbarem Stress im eng getakteten Theateralltag, und es eine gute Basis zum kreativen und konstruktiven Austausch gibt. Das fi nde ich gerade bei so einem Thema extrem wichtig, schließlich müssen die Darsteller_innen beim Spielen teilweise sehr an ihre Grenzen gehen. Gleichzeitig ist es wichtig »sich voll reinzuschmeißen« und sich als Künstler_ in mit allen Facetten eines Themas auseinanderzusetzen. So werden wir auch Besuch von »Expert_innen des Alltags« während der Probenzeit bekommen, die dem Ensemble Rede und Antwort stehen und Feedback zu einzelnen Szenen geben werden. Das wird sicher spannend!Wichtig ist mir vor allem, dass wir nicht in erster Linie versuchen Krankheiten darzustellen, sondern Menschen mit ihren Geschichten.
↗ Wie passt die Musik zu den Inhalten?
Das Herausfordernde ist gleichzeitig das Wunderbare an stimmen im kopf: Wir haben ein vermeintlich schwieriges Thema – aber es gibt witzige Dialoge, temporeiche Aktionen, einige Überraschungen und vor allem: richtig viel tolle Musik. Was für eine spannende Mischung! Es werden unterschiedliche Stile zu hören sein, wie zum Beispiel die wütende Rocknummer einer Patientin, der »Ungerechtigkeits-Tango« von Angehörigen oder auch eine Musiktherapie im wortwörtlichen Sinne. Die Musik verstärkt auf der einen Seite die teils bedrückenden Erinnerungen und Gedankenwelten der Patient_innen und unterstreicht an anderer Stelle schrullige Charaktere oder absurde Situationen – auch auf Seiten des Personals! Denn manchmal stellt sich ja auch einfach die Frage: Wer ist hier genau »verrückt«? Das Publikum darf sich auf einen spannenden Theaterabend mit Ambivalenzen, Zwischentönen aber hoffentlich auch viel Unterhaltung freuen!
Foto Annika Dickel: Tim Müller