Nach dem Musiktheater und vor dem Tanz ist das Schauspiel an der Reihe mit unserer aktuellen Trilogie um till eulenspiegel. Der betreuende Dramaturg Phil Wegerer hat dafür mit dem Regisseur Moritz Nikolaus Koch, von dem auch die Textfassung stammt, gesprochen.
↗ Was reizt dich an der Figur des Till Eulenspiegel?
Till Eulenspiegel ist für mich eine schillernde, wunderbar anarchische Narrenfigur, ein Wort- und Wirklichkeitsverdreher,Spötter und Spiegel-Vorhalter. Und damit ist er für mich eine Art Ur-Typus von uns Theatermenschen, Gauklern, Seil- und Traumtänzern. Geliebt, verlacht, unbequem und heimatlos, aber eben auch unsterblich, einfach nicht totzukriegen. Till ist die Grille aus der Fabel, die den ganzen Sommer so schön für uns emsige Ameisen musiziert und uns dann den ganzen Winter auf der Tasche liegt, auf die Nerven geht, und so tut als hätte er den Ameisenstaat erbaut. Aber wenn der Frühling kommt, packt er die Fidel wieder aus und wenn er spielt, ja wenn er spielt … nicht totzukriegen. Wie das Theater.
↗ Was ist das Besondere an deiner Version des Eulenspiegels?
Wir haben uns entschieden, die Figur Till Eulenspiegel aufzusplitten in eine Till- und eine Ulenspiegel-Figur. Schon Charles de Coster gibt Till Eulenspiegel in seiner Bearbeitung des Stoffes eine Gefährtin und Partnerin an die Seite. Mir gefällt die Idee, Till Eulenspiegel nicht als Einzelgänger sondern als Duo Infernale zu erzählen, à la Don Quijote und Sancho Pansa, Stan and Olli, Bonnie und Clyde. Till und Ule, sein Spiegelverkehrt. Ein Spiegelbild des anderen, Yin und Yang, das A und das O darum herum. Gemeinsam sind die beiden erst Till Ulenspiegel.
↗ Grundlage deiner Fassung ist der ≫originale≪ Eulenspiegel nach Hermann Bote. Wie bist du damit umgegangen – vor allem was die Figur des Till Eulenspiegel angeht?
Die einzelnen 96 Historien in Herman Botes Eulenspiegel-Text eignen sich nicht wirklich für eine Eins-zu-eins-Umsetzung auf der Bühne. Sie sind alle sehr kurz und folgen immer wieder sehr gleichen Mustern, laufen immer wieder auf die gleichen, zunehmend vorhersehbaren Pointen hinaus. Mich interessiert die Figur des Till Eulenspiegel also weniger als Protagonist seiner spätmittelalterlichen Lach- und Pupsgeschichten, sondern vielmehr als deren Erfinder und Erzähler. Mich interessiert der Showman, der sich durch alle Zeiten hindurch nicht davon abbringen lässt, uns mit dem Mittel der Lach- und Pupsgeschichten ein wenig Unordnung in unseren Ameisenstaat zu bringen.
↗ Mit welchen Gedanken bist du an deine Fassung des till eulenspiegel herangegangen?
Ausgangspunkt und Kernidee war die Gleichsetzung Till Eulenspiegel = ≫Das Theater≪. Daraus folgte die Setzung Till Eulenspiegel = unsterblich.
Dieser Gedanke findet sich ganz wunderbar durchdekliniert in dem Text »Rede zum unmöglichen Theater« des zeitgenössischen Theaterautoren Wolfram Lotz, in welchem er das Theater fordert als einen Ort, an dem nicht die Fiktion die Wirklichkeit abbilde, sondern andersherum. Ein Ort, an dem die Zeit nicht linear vergeht, unsere Spucke von unten nach oben fällt, wo der Pelikan bellt, grünes grünes Moos auf unseren Köpfen wächst und das Diktum des Sterben-müssens nicht mehr gilt. Mit freundlicher Genehmigung des Autors und des S. Fischer Verlages konnte dieser Text auszugsweise Eingang finden in unsere Fassung, und damit war klar: Till Eulenspiegel lebt, ein Schelm wer anderes behauptet. Hat nicht wirklich eine Eulenspiegelei den 30-jährigen Krieg ausgelöst und eine andere ihn beendet? Doch, klar, jetzt wo du’s sagst! Wer brachte die Aufständischen 1525 dazu, Freiheit und Gleichheit für alle Menschen zu fordern, woher hatte Otto von Bismarck 1870 seine Idee zur Emser Depesche? Von Till, das weiß nun wirklich jede_r. Die genialen Einfälle zu den unsterblichen Werken von Goethe, Schiller, Kleist, Lessing, wer hat’s erfunden? Eben. Sollen doch die Geschichtslehrer_innen hinter uns aufräumen …
↗ Worauf können wir uns bei till eulenspiegel freuen?
Auf die lange überfällige wirkliche Wahrheit, wie das alles so gelaufen ist in der deutschen Geschichte, endlich so berichtet, wie es wirklich war. In echt. Freuen Sie sich auf den Pelikan, der bellt, die Bombe, die implodiert, und darauf, dass grünes grünes Moos auf Ihrem Kopfe wachsen wird. In echt.
Foto Moritz Nikolaus Koch: Tim Müller