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mythos titanic am tfn

Mit dem Musical titanic von Maury Yeston und Peter Stone (in einer Übersetzung von Wolfgang Adenberg) sticht am tfn wortwörtlich die größte Produktion der Spielzeit in See. Gemeinsam betreten die musical_company, das musiktheater ensemble, der Opernchor und der Kinderchor unter dem Kommando von Achim Falkenhausen (musikalische Leitung), Matthias von Stegmann (Regie), Simon Lima Holdsworth (Ausstattung) und Gesine Sand (Choreografie) das berühmteste Schiff der Welt. 

Seit ihrem Untergang im Jahr 1912 ist die Titanic innerhalb kürzester Zeit zum Mythos geworden. Sie war das luxuriöseste und größte Schiff der Welt. Daher war niemand an Bord in der Lage, das Geschehen auf dem Schiff komplett zu überblicken. Aus den Berichten der Überlebenden gehen sehr unterschiedliche Beschreibungen derselben Situation hervor. So sprachen manche von Explosionen, andere davon, dass das Schiff in zwei Teile zerbrach. Die einen wollen Kapitän Smith an Bord eines der Rettungsboote gesehen haben, andere sahen ihn angeblich erfroren im Wasser mit einem Säugling im Arm.

Auch war der heute übliche Funkverkehr in der Schifffahrt zu dieser Zeit gerade frisch erfunden, längst nicht jedes Schiff war in Besitz von Funkgeräten – und selbst wenn: Es gab noch keine Regelung dafür, dass die Funkstation rund um die Uhr belegt sein musste. Viele Beschäftigte bedienten die Geräte also nur tagsüber, nicht aber in der Nacht. Je nach Entfernung konnte die Verbindung auch schlecht und schwer verständlich sein. In der Nacht des Untergangs begann eine wahre Funkschlacht und man musste sich auf manche Funksprüche einen Reim machen (was die Presse auch im großen Stil tat und damit einen weiteren Weg zur Mythenbildung ebnete), zumal die White Star Line noch Stunden nach dem Untergang behauptete, die Titanic sei auf dem Weg nach New York.

Interessant ist, dass für die Anhörungen zu dem Unglück in den USA und Großbritannien größtenteils Zeugen aus der Crew und einige wenige aus der ersten Klasse geladen wurden – für die Leute der dritten Klasse interessierte sich niemand.

Die erste Klasse hingegen war groß in den Medien vertreten. Es ist daher auch kein Zufall, dass in den Mythos Titanic vor allen Dingen die Heldengeschichten der Millionäre in die Annalen eingingen: Selbstverständlich waren alle bereit, den nahenden Tod widerspruchslos zu akzeptieren und auf dem sinkenden Schiff zu bleiben, während sie die Frauen und Kinder überredeten, in die Rettungsbote zu steigen. Benjamin Guggenheim soll er einem Steward gegenüber erklärt haben: »Wir haben unsere besten Kleider angezogen und wir sind bereit, als Gentlemen in die Tiefe zu gehen.« Diese Aussage passt perfekt zu dem Bild, das wir heute vom Untergang der Titanic haben. Denn es war nicht nur der Untergang eines Schiffes, mit ihm versank auch die edwardianische Klassengesellschaft.

Bereits vier Wochen nach dem Untergang entstand der erste Film, der sich mit der Titanic befasste safed from the titanic, mit der Schauspielerin Dorothy Gibson in der Hauptrolle – sie selbst gehörte zu den Überlebenden. Heute existieren siebzehn Filme und über 50 Bücher – sowie zwei Musicals (das zweite trägt den Titel titanique, welches den James Cameron Film aus dem Jahr 1997 parodiert). Neben der unfassbaren Mythenbildung ist die Geschichte der Titanic auch ein dankbares Thema, denn sie folgt dem klassischen Erzählrhythmus der griechischen Tragödie: Es gibt einen strahlenden Beginn, gepaart mit hohen Erwartungen an das Schiff und die Zukunft, ein heiteres Leben an Bord. Dem folgt die Kollision als plötzlicher Handlungstwist, der dann in große Dramatik umschlägt und in einem symphonischen Finale endet: der würdevollen Annahme des eigenen Schicksals.

Auch das Musical folgt dieser Erzählstruktur. Musikalisch ist titanic beinahe durchkomponiert. Die tfn_philharmonie und das Ensemble sorgen für dramatische Momente und lassen das Publikum die ganz großen Gefühle spüren und miterleben.

 

Zitat Guggenheim: Walter Lord, die letzte nacht der titanic, Fischer 2025, S. 112