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»theater ist immer auch sozialprojekt«

Unterdrückung und Herrschaft, Freiheit und Widerstand – das sind die großen Themen, die in wilhelm tell verhandelt werden, dem Trilogie-Stoff der Spielzeit 26_27. Den Anfang macht die Premiere von Rossinis Oper. Dramaturgin Fuka Arai sprach mit der Regisseurin Isabel Ostermann über das Stück und ihre Inszenierung.

wilhelm tell ist dein Debüt am tfn. Was ist dir generell wichtig, wenn du Opern inszenierst – unabhängig vom jeweiligen Werk?

Mir ist es immer wichtig, das Material aus allen Epochen (Entstehungszeit des Stoffes, Zeit von Drama und Oper/Musik/Libretto, Zeit-Ebenen aus der Geschichte und unsere heutige Zeit) als Basis der Erarbeitung zu nutzen und da überall möglichst tief einzudringen und viel freizulegen, mehr zu suchen und Fragen zu stellen, als Antworten zu geben, das ist eine wunderbare Aufgabe des Theaters. 

Das erarbeiten wir gemeinsam als Team mit denjenigen, die abends auf der Bühne stehen und den Abend authentisch und persönlich machen, sie haben dann viel im Gepäck und so wird es lebendig und unaustauschbar. 

Jede Vorstellung wird dann anders sein, das ist spannend für alle, es verbinden sich die Ebenen, das Orchester kommt dazu und das Publikum steigt mit ein, das ist das Einmalige an dieser so vergänglichen und fragilen Kunstform. Die Exzellenz und vielen Talente in der Klassik-Branche sind faszinierend, Theater ist aber auch immer Sozialprojekt, das ist mir ein Anliegen.

↗ Was reizt an Wilhelm Tell, sowohl an dieser Figur als auch an diesem Stoff?

Der Stoff behandelt Grundfragen menschlichen Zusammenlebens und ist daher sehr aktuell, Fragen wie: Wie viel Macht darf ein Staat haben? Wann wird Widerstand zur Pflicht? Sollte man Gewalt einsetzen, um Freiheit zu erlangen? Und wie ein Einzelner sich gegen eine übermächtige Herrschaft stellt, das ist alles brisanter denn je.

↗ Im Rahmen der Trilogie begegnen wir Schillers wilhelm tell auf der Schauspielbühne und gleichzeitig Rossinis Oper, die ja einen ganz eigenen Weg geht mit an deren Figuren, anderen Schwerpunkten, einem anderen Ende. Wie verhältst du dich als Regisseurin zu Schillers Vorlage?

Schillers Text ist die Basis unserer Erarbeitung, der Konflikt zwischen Individuum und Staat, Öffentlichkeit und Privatem, Habsburger Reich und Tells kleiner Berg-Hütte, die politische Dimension, die ins Private dringt und umgekehrt, das ist zeitlos und in vielen historischen wie aktuellen Situationen relevant und lässt sich nicht trennen, denn hier wird das Private politisch, das Kammerspiel vor dem Hintergrund einer großen Öffentlichkeit auch in der Oper sehr wirksam eingesetzt und auch die Liebenden – aus verfeindeten Lagern – kämpfen um Freiheit und Selbstbestimmung. Wir werden die Opernhandlung herausarbeiten und ebenso viel das Drama zitieren.

↗ Rossinis wilhelm tell gilt als Grand Opéra, als riesiges Spektakel. Aber dahinter steckt ein zutiefst politisches Werk: Freiheit, Unterdrückung, Widerstand. Wie gehst du mit dieser politischen Dimension um?

Ich empfinde nicht nur Widerspruch oder Wertung zwischen Opern-Spektakel und Schiller-Klassiker, aber es werden natürlich auch Konventionen bedient und das werden wir diskutieren.

In der Oper waren (und sind) die lyrischen, romantischen Szenen in ihrer Zeit wichtig und sehr populär, und dennoch ist die politische Ebene immer mitzudenken, sonst funktioniert z. B. auch die Liebesgeschichte nicht.

Diese Kontraste können wir aktiv hervorheben, die Oper kann das ja fantastisch, z. B. durch den bewussten Einsatz von bestimmten Orchester-Besetzungen und großen Chören und dann wieder in intimen feinen Szenen.

↗ Was soll das Publikum mit nach Hause nehmen, wenn es das Theater verlässt?

Ich freue mich, wenn die Zuschauer_innen viel zu entdecken haben und viele inspirierende Fragen mitnehmen, um ggf. mehrfach in diese Aufführung zu kommen, um Verbindungen einzugehen, sich mit den Situationen der Figuren zu assoziieren und Aspekte zu finden, die sie hierbei vielleicht bisher noch nie gesehen haben – vor allem auch in dem Vergleich zwischen den Sparten (dem Schiller-Klassiker und der weniger bekannten Oper) und dass sie Lust bekommen, alle drei Produktionen zu besuchen.

 

Foto Isabel Ostermann: Vincent Stefan