1981 im niedersächsischen Gifhorn geboren, ist seit der Spielzeit 20_21 Intendant und Geschäftsführer des theater für niedersachsen (tfn) in Hildesheim.
Seit seinem Amtsantritt hat sich das tfn unter seiner Leitung klar profiliert: mit einer eigenständigen künstlerischen Handschrift, wachsender überregionaler Wahrnehmung und der gezielten Ansprache neuer, insbesondere jüngerer Publikumsgruppen. Zentraler Bestandteil dieser Ausrichtung ist die von Graf entwickelte »niedersächsische Dramaturgie«, die zeitgenössische Perspektiven, Wiederentdeckungen des Repertoires und gesellschaftliche Fragestellungen miteinander verbindet.
Ein prägendes Format ist die jährlich wechselnde »Trilogie«, bei der sich drei Sparten – etwa Oper, Schauspiel und Tanz – einem gemeinsamen Thema aus unterschiedlichen Blickwinkeln widmen. Charakteristisch ist das verbindende Bühnenbild, das in allen drei Produktionen genutzt wird und den spartenübergreifenden Dialog sichtbar macht. Einen weiteren programmatischen Schwerpunkt bildet die Wiederentdeckung vergessener oder selten gespielter Werke bei gleichzeitiger starker Präsenz zeitgenössischer Stücke. In Grafs bisheriger Amtszeit wurden am tfn 23 Uraufführungen, 7 deutschsprachige Erstaufführungen, 6 deutsche sowie 2 europäische Erstaufführungen gezeigt. Durch die bundesweit einzigartige musical_company besitzt auch das Genre Musical einen besonderen Stellenwert im Spielplan. Zugleich wurde die Zusammenarbeit mit der freien Szene intensiviert und das Tanzgenre erfolgreich neu positioniert.
Ein zentrales Anliegen von Grafs Intendanz ist die konsequente Verankerung von Inklusion, Diversität und diskriminierungssensiblen Strukturen. Mit seinem Amtsantritt wurde erstmals eine eigene Stelle für Inklusion geschaffen, womit das tfn eine Vorreiterrolle im deutschsprachigen Theaterbetrieb einnahm. Als sichtbares Zeichen dieser Haltung unterzeichnete Graf die Charta der Vielfalt. 2024 folgte die Eröffnung einer barrierefreien Studiobühne. Darüber hinaus beteiligt sich das tfn am bundesweiten Modellprojekt Culture.Care, das strukturelle Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Kunst- und Care-Arbeit an Theatern entwickelt und erprobt. Das Öffnen des Theaters in den Stadtraum ist ein weiterer zentraler Bestandteil der künstlerischen Praxis am tfn. Produktionen und partizipative Formate finden bewusst auch außerhalb der klassischen Bühnenräume statt.
Die Arbeit des Hauses unter Oliver Graf wurde vielfach ausgezeichnet und bundesweit wahrgenommen. Die Zeitschrift Die deutsche Bühne nominierte das tfn für die Spielzeit 23_24 in der Kategorie »Beste Musiktheaterregie«, für die Spielzeiten 22_23 und 24_25 in der Kategorie »Beste Gesamtleistung Kleines Haus« sowie in der Kategorie »Nachhaltigkeit« für die Spielzeit 21_22, die Zeitschrift Musicals kam zu dem Fazit, dass das tfn in der »Königsklasse« spielt bzw. sich in Sachen Musicals »die Krone aufgesetzt hat«. Die Zeitschrift concerti kürte die Wiederentdeckung von Emil Nikolaus von Rezniceks till eulenspiegel zur »Inszenierung des Monats«, der BR zeichnete die göttin der vernunft mit einem Operettenfrosch aus. 2023 gewann Aslı Kışlal für ihre tfn-Arbeit als erste Frau den Deutschen Musical Theater Preis in der Kategorie Regie für stella – das blonde gespenst vom kurfürstendamm. Im Juni 2025 erschien eine ausführliche Reportage in der New York Times über die Vielfalt und Qualität der deutschen Opernlandschaft und erklärte das tfn zum weltweiten Vorzeige-Modell. Der Artikel würdigt die Arbeit des Hauses im Kontext künstlerischer Vielfalt, mutiger Repertoireentscheidungen und Nachwuchsförderung, die Deutsche Erstaufführung von Judith Weirs miss fortune (achterbahn) wurde dabei als »großer Opernmoment« hervorgehoben – ein eindrucksvoller Beleg dafür, dass künstlerische Innovation, Risikofreude und Qualität auch außerhalb der großen Opernhäuser Maßstäbe setzen können.
Der Aufsichtsrat bestätigte Oliver Graf in seinem Amt und verlängerte seinen Vertrag vorzeitig. Landrat Bernd Lynack begründete diese Entscheidung mit der erfolgreichen inhaltlichen Entwicklung des Theaters sowie der deutlich erweiterten Publikumsansprache unter Grafs Leitung.
Vor seiner Intendanz am tfn war Graf Stellvertreter der Intendantin im künstlerischen Bereich und Künstlerischer Betriebsdirektor am Stadttheater Gießen. Zuvor arbeitete er als Mitglied der Operndirektion / Leiter Casting, Disponent und künstlerischer Produktionsleiter am Staatstheater Darmstadt, Disponent und Mitarbeiter im Künstlerischen Betriebsbüro bei den Bayreuther Festspielen, Assistent der Intendantin und Referent für Marketing am Stadttheater Gießen, Assistent der Intendantin und Leiter der Direktionsbüros beim Festival junger Künstler Bayreuth sowie als freier Mitarbeiter im Künstlerischen Betriebsbüro der Sächsischen Staatsoper Dresden (Semperoper).
Er absolvierte ein Studium des Kulturmanagements am Institut für Kulturmanagement und Gender Studies an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien und ist ausgebildeter Schauspieler. Darüber hinaus arbeitete er als Sprecher für Computerspiele und Synchronproduktionen, u. a. für die deutschen Fassungen der Serien Die Simpsons und Futurama. Er ist Autor des im Springer VS-Verlages erschienenen Fachbuches Theaterdisposition | Die Kunst des Kunstermöglichens: ein Leitfaden für Theorie und Praxis, Mitglied des Internationalen Kuratoriums des Festival junger Künstler Bayreuth, Mitglied im Künstlerischen Ausschuss des Deutschen Bühnenvereins sowie Jurymitglied nationaler und internationaler Gesangswettbewerbe. Lehr- und Gastdozenturen führten ihn unter anderem an die Universität Hildesheim, die Justus-Liebig-Universität Gießen, das Central Conservatory of Music in Peking und die University of Shanghai for Science and Technology.
In seiner Laufbahn arbeitete er u. a. mit Dirigent_innen wie Rubén Dubrovsky, Danielle Gatti, Thomas Hengelbrock, Michael Hofstetter, Will Humburg, Philippe Jordan, Axel Kober, Cornelius Meister, Andris Nelsons, Kirill Petrenko, Peter Schneider, Anna Skryleva, Alexander Soddy, Christian Thielemann, Sebastian Weigle, Simone Young und Florian Ziemen sowie Regisseur_innen wie z. B. Sebastian Baumgarten, Juana Inés Cano Restrepo, Frank Castorf, Pascale-Sabine Chevroton, Cordula Däuper, Heiner Goebbels, Christian von Götz, Jan Philipp Gloger, Stefan Herheim, Hans Hollmann, Aslı Kışlal, Seollyeon Konwitschny-Lee, Balázs Kovalik, Hans Neuenfels, Isabel Ostermann, Beka Savić, Jay Scheib, Manuel Schmitt, Vincent Stefan, Matthias von Stegmann, Katharina Wagner, Lilo Wanders und Ayla Yeginer zusammen.
Am tfn inszenierte er Dirk Heidickes Solomusical the kraut – ein marlene-dietrich-abend, die Oscar Straus-Operetten die perlen der cleopatra und hochzeit in hollywood sowie die europäische Erstaufführung der Oper wenn der postmann zweimal klingelt von Stephen Paulus. Gemeinsam mit Manuel de Rien schrieb er die Punk-Rock-Musicals woyzeck und farm der tiere nach Georg Büchner bzw. George Orwell. In der Spielzeit 25_26 zeichnet er für die Inszenierung des Songdramas ewig jung verantwortlich.